Eckhard Kruse - Mythos Künstliche Intelligenz
 
Eckhard Kruses Seiten
Geist + Materie
Gibt es künstliche Intelligenz?
Diskussionen um Künstliche Intelligenz und die Funktionsweise des Gehirns sind oft ein interessantes Beispiel, wie materialistisch-reduktionistische Vorannahmen das Denken prägen können. Das Gehirn als Computer zu bezeichnen oder umgekehrt die Computer-CPU (den zentralen Prozessor) als Maschinen-Gehirn mag für viele Menschen eine spannende Metapher sein. Leider scheint sich diese jedoch (z.B. in Wissenschaftsberichten der Medien) so weit verselbständigt zu haben, dass die fundamentalen Unterschiede zwischen Gehirn und Computer weitgehend ignoriert werden. Nur so erklärt sich wohl auch die unkritische Begeisterung bezüglich "künstlicher Intelligenz" oder die Erklärung der Gehirnfunktionen mit Computeranalogien (Speicher, Verarbeitungseinheit, Eingabe-Ausgabe).

In der Ausgabe 03/2014 von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur zum Thema Transhumanismus ging es gar um Fragen zum Bewusstsein von Maschinen (und ethischen Folgen), wobei die Existenz von Maschinen-Intelligenz leider oft wie selbstverständlich als gegeben vorausgesetzt wurde - was mich zu folgendem Leserbrief (s.a. Leserstimme Evolve-Magazin) veranlasste.

(Ein ausführlicher Artikel von mir zu dem Thema findet sich nun auch hier: "Lebendige Intelligenz" auf Mystica.tv.)
Mythos Maschinen-Intelligenz
Dass sich Evolve dem Transhumanismus widmet, finde ich schlüssig und spannend. Doch bei all den interessanten Beiträgen vermisse ich das kritische Hinterfragen der Behauptung, dass es überhaupt so etwas wie "künstliche Intelligenz" gibt. Als Informatik-Professor kenne ich die Arbeitsweise scheinbar intelligenter Maschinen recht gut, doch bei aller Begeisterung über immer schnellere Verarbeitung immer größerer Datenmengen sprechen meiner Meinung nach viele Gründe dagegen, Maschinenfunktionen auf eine Stufe mit menschlicher (oder auch tierischer) Intelligenz zu stellen; wobei ich Intelligenz insbesondere als die Fähigkeit sehe, kreativ neue Lösungen für gegebene Probleme zu entwickeln:
  • Computer funktionieren auf Basis von Algorithmen, d.h. festgelegten Verfahren, die vordefinierte, elementare Schritte nacheinander abarbeiten. Was sich nicht auf einzelne Anweisungen reduzieren lässt, lässt sich nicht berechnen. So ist es etwa leicht beweisbar, dass es unendlich viele mathematische Funktionen gibt, die nicht von Algorithmen berechnet werden können. Auch ist es unmöglich, einen Algorithmus zu entwickeln, der bestimmte einfache Aussagen über beliebige andere Algorithmen überprüft (Stichwort "Halteproblem").
  • Die lebendige Welt scheint in vielen Bereichen gerade nicht auf elementare Bausteine reduzierbar zu sein: Leben, Bewusstsein und Intelligenz lassen sich trotz vieler Bemühungen nach wie vor nicht "bottom-up" als reines Zusammenspiel von Lebensatomen, Bewusstseins- oder Denkalgorithmen erklären. Sogar die menschliche Wahrnehmung trotzt reduktionistischen Modellen, ist sie doch stark geprägt von übergeordneten Sinnzusammenhängen ("Gestalt"). Spätestens im vielzitierten Cocktailparty-Stimmengewirr scheitert jede Computerspracherkennung.
  • Computer und Gehirn sind sehr unterschiedlich aufgebaut: Im Computer erfüllt jeder der Milliarden Transistoren einen vorab festgelegten, spezifischen Zweck. Der Ausfall eines einzigen Transistors kann zum vollständigen Systemausfall führen. Im Gehirn lassen sich heute lediglich grobe Funktionsbereiche identifizieren, selbst der Ausfall größerer Hirnareale kann oft weitgehend kompensiert werden.
  • Würden Sie Ihren PC als intelligent bezeichnen? Falls Ihr PC nicht das macht, was Sie wollen, wird er sein Verhalten auch dann nicht ändern, wenn Sie es immer wieder neu probieren. Wo ein menschlicher Interaktionspartner gemeinsam nach einer neuen, anderen Lösung suchen würde, verlässt der Computer nie die Grenzen des programmierten Verhaltens, auch wenn es nicht zum Ziel führt. Das ist nicht Intelligenz, sondern entspricht eher Einsteins Zitat vom Wahnsinn. Wenn zwei fehlerhafte Programme miteinander kommunizieren, gibt es Stillstand oder Endlosschleifen, wenn zwei (fehlerhafte) Menschen miteinander kommunizieren, kann völlig Neues entstehen.
  • Computer können nach wie vor keine (sinnvollen, neuen) Computerprogramme schreiben, dabei müsste das ein besonders einfacher Anwendungsfall für künstliche Intelligenz sein, wo es keine problematischen Schnittstellen zur materiellen Welt gibt. Doch sogar die simpelste Handy-App wird von menschlichen Programmierern entwickelt.
Mir ist keine technische Lösung bekannt, die ich ernsthaft als "intelligent" bezeichnen würde. Gleichzeitig wird dieses wertvolle Prädikat überall vereinnahmt. Da schwärmt eine Autowerbung vom "intelligenten Allradantrieb", wo man doch eigentlich einem Großteil der Autoindustrie jegliche Intelligenz absprechen müsste, da mehr Autos gewiss nicht die kreative, neue Lösung für die Probleme dieser Welt sind.

Wer Maschinen Intelligenz zuschreibt, macht uns Menschen kleiner als wir sind – oder will vielleicht Verantwortung abschieben, als wären unsere globalen Aufgaben eher technischer als menschlicher Natur. Viele Menschen scheinen sich mehr für "intelligente" Telefone zu interessieren als für intelligente Gespräche. Anstatt auf Technik und Transhumanismus zu setzen, sollten wir weiter daran arbeiten, dass wir Menschen wirklich "human" werden.
Anmerkungen
  • Zugegebenermaßen war der Text zu lang für einen vollständigen Abdruck im Magazin (auf der Web-Seite des Magazins finden sich aber die vollständigen Leserbriefe). Dass zum Kürzen ausgerechnet der Teil mit den Argumenten herausgestrichen wurde, erinnnert aber wunderbar daran, wie über das Thema oft diskutiert wird. ;-)
  • Über Intelligenz lässt sich wohl auch deshalb trefflich streiten, da es keine allgemeine anerkannte Definition gibt, was Intelligenz überhaupt ist. Oft wird ja schon die selbständige Anpassung eines (lebendigen oder technischen) Systems auf seine Umgebung hin als Intelligenzmerkmal genommen. Dann wäre aber auch eine Heizung mit Thermostat intelligent. Menschliche Intelligenz sollte zu mehr in der Lage sein.
  • In den Ingenieurswissenschaften ist es eigentlich selbstverständlich, dass das Verständnis der Funktionsweise eines Systems die notwendige Voraussetzung ist, um entsprechende Systeme zu bauen. Flugzeugbauer sollten Ärodynamik verstanden haben. Ausgerechnet beim vielleicht komplexesten System auf dieser Erde, dem menschlichen Gehirn, soll das nun nicht mehr gelten? Im groß angepriesenen Human Brain Project sollen Gehirne nachgebaut werden, obwohl deren Arbeitsweise noch nicht annähernd verstanden ist. Das erinnert mich ein wenig an meinen kindlichen Projekte, Flugzeuge aus Legosteinen nachzubauen. Ja, die sahen fast so aus wie ein echtes Flugzeug, aber geflogen sind sie nie.